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Donnerstag, 4. Februar 2010

Alois Hahn - Inklusion und Exklusion. Ein Wandel in den Begriffen Niklas Luhmanns

Da ich von Daniel gerade sanft über facebook angestupst wurde, hier mal gefälligst meinen Beitrag in Form eines Satzgebäudes zu leisten (wenngleich von Daniel ungleich eleganter formuliert), ich aber in "Gesellschaft der Gesellschaft" noch keinen Blick werfen konnte: Hier einmal stattdessen der - wie ich finde durchaus ins Blogkonzept passende - Vortrag von Alois Hahn (dem wohl hoffentlich allseits bekannten und - mittlerweile - emeritierten ehemaligen Trierer Professor und - immer schon - offenen Bewunderer Niklas Luhmanns) im Rahmen der Vortragsreihe "Fremdheit und Armut" (beziehungsweise meine lückenhaften Aufzeichnungen ebendieses Vortrags), dem beizuwohnen ich vor einigen Wochen die Gelegenheit und die Ehre hatte. Ich hoffe, dieser erste labyrinthische Satz ist als Gebäude bzw. Haus weitläufig genug ;). Ich schreibe das entsprechend meiner Aufzeichnungen einfach mal so auf, wie ich es verstanden habe, da ich in diesem Thema nicht wirklich drin bin und dieser Eintrag außerdem nur die Selektion einer Selektion einer Selektion ... bleiben muss. Wer von dem Thema mehr Ahnung hat oder sogar bei dem Vortrag anwesend war, darf mich gerne verbessern.

Wie dem Titel zu entnehmen, ging es um den Wandel der Luhmanschen Begriffe von Inklusion und Exklusion, bzw. von Zentrum und Peripherie, wobei eine der Leitfragen war, ob es in einer kommunikationsbasierten Gesellschaft(-stheorie) überhaupt Möglichkeiten der Exklusion gibt.

Die einleitenden Bemerkungen zu den Begrifflichkeiten spule ich gerade mal vor. Wichtig war auf jeden Fall, dass mit der Umwandlung von segmentierter Gesellschaft in Hochkultur die Unterscheidung Zentrum/Peripherie an Bedeutung gewann. Gleich, ob es dabei um Teilnahme/Verbannung, Stadt/Provinz oder das Problem der Kontrolle der Peripherie durch das patrimoniale Zentrum ging. [Weber, Tenbruck, Wallenstein und Bourdieu fallen jetzt ebenso dem schnellen Vorlauf zum Opfer] In systemtheoretischer Perspektive auf moderne Gesellschaften taucht die Frage auf, wo Zentrum und Peripherie hier zu suchen sind und was "Exklusion" in diesem Zusammenhang bedeuten könnte. Im Gegensatz zu einem "frühen" Luhmann, bei dem Zentrum und Peripherie ebenfalls als räumliche Unterscheidungen aufgefasst worden sind (jedenfalls so, wie ich das verstanden habe), waren es für den "späteren" Organisationen bzw. "Anstalten", die das Zentrum bilden. Beispiel: Die Kirche als Zentrum der Religion. Oder: die Gerichtshöfe als Zentren des Rechts (wohl der einzige Fall, für den Luhmann selber seine Überlegungen zu Zentrum und Peripherie auch tatsächlich ausformulierte, andere Werke verbleiben in der geographischen Bedeutung). Oder: Krankenhäuser als Zentren des medizinischen Subsystems. Es gilt natürlich, dass in den Organisationen/Zentren nicht sämtliche Kommunikationen an der Leitdifferenz des Subsystems ausgerichtet sein müssen - und ebenso wenig, dass sämtliche an der Leitdifferenz ausgerichtete Kommunikation auch im Zentrum stattfindet. Zentren monopolisieren die entsprechende Kommunikation nicht; jedes Händewaschen reproduziert ja schließlich das medizinische System. Aber: Nur Zentren bestimmen die Selbstreproduktion bzw. die Selbstthematisation des Subsystems. Operationen in der Leitdifferenz befinden sich in Zentrum und Peripherie. Aber: Nur Zentren nehmen diese Operationen die Form von Berufen und Karrieren etc. an. Professionalität ist in der Peripherie möglich, im Zentrum aber notwendig. Nur im Zentrum wird bestimmt, wie die Leitdifferenzen einzelnen Ereignisse der "Welt" zugeordnet werden kann. Eine interessante Paradoxie fand Hahn (oder war es schon Luhmann?) in der Anwendung der Frage auf die Politik. Zwar gilt hier der Staat(sapparat) als Zentrum, als wichtiger wird allerdings das kommuniziert, was in der Peripherie passiert - schließlich ist der Staat ja nur "Diener". Bevor ich nochmal zu eingangs erwähnter Frage komme, hier noch ein amüsantes Zitat von Alois Hahn, mit dem er die Systemtheorie gegen Anwesende verteidigte, die ihre Nichtübertragbarkeit auf das Mittelalter bemängelten: "Mit einer Schere kann man keine Orgel spielen, aber das ist kein Einwand gegen eine Schere. Mit einer Orgel kann man nicht schneien, aber das ist kein Einwand gegen eine Orgel."

Es bleibt die Frage, ob in einer in Subsysteme und auf Kommunikation aufgebauter Gesellschaft Exklusion möglich ist, und wie genau man sie sich vorzustellen hat. Immerhin kann ich die Kirche verlassen oder aus ihr exkommuniziert (!) werden, ich kann aber trotzdem weiterhin meine Kommunikation an - was war's - Immanenz und Transzendenz ausrichten, beispielsweise beten. Man kann mich aus Krankenhäusern verbannen, aber mir nicht verbieten, mir eben die Hände zu waschen oder nichts zu essen, was ich auf dem Bürgersteig finde. Selbst im drastischen Falle der Tötung - wohl einer sehr scharfen Form von - Exklusion kann ich zwar nicht mehr kommunizieren, aber es wird schwer, anderen zu verbieten, ihre Kommunikation an mir auszurichten. Exklusion in der Systemtheorie, Exklusion von Kommunikation - Meinungen dazu oder Vorschläge?

 

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